Archive for September 2007

 
 

Halb voll oder halb leer?

Dass Recht Auslegungssache ist, ist klar. Wie unterschiedlich ein Richterspruch allerdings von der Journaille bewertet werden kann, zeigen die heutigen Titelblätter unserer Boulevardgazetten. Über den Richterspruch zum ersten Prozess über Kindergeldrückzahlungen jubelt ÖSTERREICH so:

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Ausriss: ÖSTERREICH

Die KRONE hingegen verkündet Unheil, nicht ohne dabei tausende Familien zittern zu lassen:

kronekindergeld.jpeg
Ausriss: KRONENZEITUNG

Und so ist ein und das gleiche Urteil sowohl Hiobsbotschaft als auch Evangelium. Denn während bei ÖSTERREICH die Tatsache, dass die verurteilte Frau 1000 Euro zurückzahlen muss, als Erfolg gewertet wird, ist die KRONE da ganz anderer Meinung:

Denn was entschied der Richter in Korneuburg? Nichts anderes, als dass die junge Frau im Jahre 2002 (!) zusätzlich zum Kinderbetreuungsgeld dazuverdient hat – und zwar mehr, als das Gesetz als geboten ansieht! Jetzt, fünf Jahre später (!), muss sie das Kindergeld teilweise zurückzahlen…

[Hervorhebung von uns]

Und obwohl das Wörtchen “teilweise” sogar zu lesen ist, sieht die KRONE im Urteil eine klare Niederlage.

Wenn in diesem Fall also von Wahrheit gesprochen werden kann, dann liegt sie, wie so oft, in der Mitte. Denn wie heute im STANDARD zu lesen war, handelt es sich weder um ein Jubel- noch um ein Trauerurteil:

Die Klägerin wurde für zwei von drei Monaten zur Rückzahlung verurteilt, da sie sie Zuverdienstgrenze überschritten hatte. Da für den Oktober kein Einkommen vorlag, muss sie das Kindergeld laut Gericht für diesen Monat nicht retournieren.

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Über Volksmusikanten und Nazis

Im heutigen “Wien Standpunkt”-Kommentar mit dem Titel “Im Alten AKH ist die Sch … am Dampfen” beschwert sich Josef Galley über die “Fäkal-Ausstellung” im Alten AKH.

Dort werden seit gestern 33 Papp-Figuren ausgestellt, die Menschen beim Toilettengang zeigen. Die entscheidenden Details werden dabei von einem Gegenstand verdeckt, auf dem steht “Where would you hide?”. “Sanitäre Einrichtung bedeutet Würde” heißt die Ausstellung, organisiert von der German Toilet Organization. Die Wander-Ausstellung möchte darauf aufmerksam machen, dass 2,6 Milliarden Menschen keine ordentlichen Sanitäranlagen haben.

Sanitaer

Screenshot: germantoilet.org

Galley beschwert sich, dass es viel wichtiger wäre, dafür zu sorgen, dass weltweit 850 Millionen hungernde Menschen etwas zu essen bekämen. Soweit ist seine Argumentation noch nachvollziehbar, wenngleich Galley natürlich vergisst, dass sehr viele Menschen aufgrund schlechter hygienischer Bedingungen sterben.

Dann allerdings läßt Galley seine Gedanken in eine andere Richtung schweifen:

Die Figuren kommen aus Deutschland.

Und ja, bis dahin könnte man noch darüber lächeln, wenn er schreibt, dass die Deutschen in Zukunft besser keine Kunst mehr nach Österreich importieren sollten:

Geehrte Lieblingsnachbarn, lassen wir es dabei, dass wir Kultur zu euch exportieren. Da sind wir alle besser dran.

Dass es hierbei um ein politisches und weniger um ein künstlerisches Anliegen geht, lassen wir mal außen vor, denn dann folgt das:

War das aber als Rache für “Hi-Hi” [...] gedacht, ist die Sch …-Parade irgendwie würdig und recht.

Und jetzt raten Sie mal für was die Abkürzung “Hi-Hi” steht?

Antwort: Hitler und Hinterseer. Das ist doch leicht!

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Dummheit?

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Ausriss: ÖSTERREICH

So prangt es auf der heutigen Ausgabe von ÖSTERREICH. Dass die Redaktion fehlende Bildung mit Dummheit gleichsetzt, sei einfach mal dahingestellt. So richtig interessant wird’s ja erst, wenn versucht wird die Frage zu beantworten. Sind wir, die ÖsterreicherInnen (nicht die ÖSTERREICH-Redaktion, falls das jemand geglaubt haben sollte), wirklich die Dümmsten Europas? Glücklicherweise hat ÖSTERREICH gleich zwei Antworten darauf parat. Die erste gleich unter dem Titel:

Nur die Deutschen haben weniger Bildung als wir

Noch mal Glück gehabt! Doch die zweite Antwort ist sogar noch besser! Im Blattinneren haben sich nämlich plötzlich zwei weitere Länder hinter uns gereiht:

Nur in Deutschland, Slowenien und der Türkei schaffen noch weniger Menschen den Weg bis zum Hochschul-Diplom.

Zugegeben, die Türkei zu Europa zu zählen ist strittig, aber immerhin gehört Slowenien doch eindeutig dazu. Macht auf jeden Fall mal zwei Länder in Europa die “dümmer” sind als wir. Um das Ganze zu verdeutlichen hat ÖSTERREICH auch noch eine Grafik abgebildet. Zu blöd nur, dass niemand wirklich schlau aus den eher kreativen Prozentbeschriftungen wird:

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Ausriss: ÖSTERREICH

Schon klar, dass wir ÖsterreicherInnen so schlecht abschneiden, wenn 20 griechische Prozent um ca. ein Viertel mehr wert sind als 20 österreichische.

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Gott und die Welt

Die Nachricht klingt schon ziemlich kurios, will doch tatsächlich ein Amerikaner Gott klagen. In der KRONENZEITUNG erfahren wir heute zu dem Thema:

Gott geklagt, weil er Tod verbreitet

Lincoln. Strafanzeige gegen Gott hat ein Abgeordneter des Parlaments im US-Staat Nebraska gestellt. Ernie Chambers wirft dem Schöpfer vor, Wirbelstürme, Überschwemmungen und Tornados verursacht und damit “unter Abermillionen von Erdbewohnern Tod und Zerstörung verbreitet zu haben”. Das wolle er jetzt wenigstens mit einer einstweiligen Verfügung stoppen …

Soweit die Meldung. Die drei Punkte am Ende sollen wohl die Absurdität der Meldung noch unterstreichen. Und tatsächlich, Ernie Chambers hat Klage gegen Gott eingereicht, seit gestern berichten zahlreiche Medien von dem Fall. Allerdings ausnahmslos, nicht ohne Folgendes zu erwähnen:

Chambers möchte auf diese Weise auf die abstrusen Seiten des amerikanischen Rechtssystems aufmerksam machen.

Nach eigenen Angaben kommt es ihm vielmehr darauf an, vor Gott und der Welt zu demonstrieren, dass man in den USA praktisch jeden aus jedem Grund verklagen kann – so absurd der Anlass auch sein mag. Focus

Der Grund für seine Klage gegen Gott war letztlich sein Ärger über die Klage gegen einen Bundesrichter:

In dem Fall ging eine Frau gegen den Richter vor, weil dieser in einem Verfahren wegen sexueller Nötigung Begriffe wie “Vergewaltigung” und “Opfer” verbot. Darin sah die Klägerin ihre Redefreiheit eingeschränkt. SZ

Nicht, dass die Nachricht nicht immer noch kurios wäre.

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Jetsun Pema

Nebst Interview mit dem Dalai Lama druckt die heutige LIFE&STYLE-Beilage auch ein Kurzinterview mit seiner Schwester Jetsun Pema ab. Aufgefettet werden die drei Fragen mit einem Bild. Diesem hier:

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Ausriss: Life&Style

Wer hätte das gedacht?

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Über EU-Bashing und Kolonialstatuten

Aus der KRONENZEITUNG erfahren wir heute wieder einmal, dass wir WählerInnen vor den Kopf gestoßen werden, der Grund:

EU-Kronenzeitung

Ausriss: KRONENZEITUNG

Bereits seit einigen Wochen stellt sich die KRONENZEITUNG an die Spitze des EU-Bashing, eingeleitet von Hans Dichand. Unter seinem Pseudonym schrieb er am 20. August:

Verfassung ist Existenz!

Ist man nicht dabei, die Bevölkerung Österreichs anzuschwindeln, indem man sagt, man werde nicht die bestehende Verfassung ändern, sondern man wolle dieses Papier lediglich “Vertrag” nennen. [...] Wir, die “Krone”, sind die weitaus größte Tageszeitung Österreichs. Wir werden uns mit aller Kraft dagegen wehren. Wir werden nicht zulassen, dass unsere Demokratie verraten wird.

Das Ziel der KRONENZEITUNG: eine Volksabstimmung. Allerdings müsste das der Nationalrat beschließen, doch sind sich beide Regierungsparteien im Moment einig darüber, den EU-Reformvertrag nicht einer Volksabstimmung zu unterziehen. Sowohl Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, als auch Vizekanzler Wilhelm Molterer sprachen sich erst vor zwei Wochen gegen eine Volksabstimmung aus.

Somit ist wohl niemand von der heutigen Schlagzeile überrascht, die KRONENZEITUNG hat eher nach einem Grund gesucht wieder einmal ein EU-Thema auf die Titelseite zu bringen.

Mit Beginn der Parlamentsarbeit 2007/2008 hat die Präsidentin des Nationalrates jetzt die Katze aus dem Sack gelassen: Eine Volksabstimmung über die EU-Verfassung, die großspurig in EU-Reformvertrag “umbenannt” worden ist, wird es nicht geben, das sei “nicht notwendig”. SPÖ und ÖVP fahren also über die Österreicher drüber.

Gegenüber dem Magazin CHiLLi.cc bemerkte Christoph Dichand allerdings dieser Tage, dass es sich bei der derzeitigen Berichterstattung um keine Kampagne handelt:

„Wir sind zwar für unsere Kampagnen berühmt und haben auch den Mut, eigene Meinung zu bekennen und dieser Nachdruck zu verleihen, in dem Fall ist es aber einfach dadurch entstanden, dass es sehr viele entsprechenden Zuschriften unserer Leser gab.“

Ja, richtig, die Leserbriefe im Freien Wort. Auch hier äußerte sich Hans Dichand vor kurzem, und machte klar, dass es um nichts geringeres geht, als um die österreichische Existenz:

Volksabstimmung! Existenzfrage für Österreich

[...] das aktuelle Hauptproblem der Österreicher, nämlich unser Verhältnis zur EU, vor allem die Absicht, die staatliche Existenz unseres Landes unter Ausschluss des Volkes – von dem in einer Demokratie ja das Recht ausgehen sollte – sozusagen abzuschaffen, denn etwas anderes wäre die Zustimmung zur als Vertrag getarnten EU-Verfassung nicht. Deshalb sehen wir uns als die weitaus größte Tageszeitung veranlasst, dieses Problem auf unseren Leserbrief-Seiten noch stärker als bisher in den Mittelpunkt zu stellen.”

Zur Illustration, ein paar Titel aus der Rubrik “EU-Theater” im Freien Wort:

Mit aller Kraft gegen den EU-Superstaat!

“EU nicht undemokratisch, sie ist antidemokratisch!”

EU-Vertrag ist Kolonialstatut für Europa

Die Argumentation der KRONENZEITUNG funktioniert dabei deshalb so gut, weil sie sich zur Stimme des Volkes macht. Christoph Dichand betonte ja auch gegenüber CHiLLi:

Wenn eine Zeitung überhaupt Macht hat, dann ist es jene, die ihr ihre Leser verleihen und diese kann auch nur im Sinne der Leser eingesetzt werden.

Am wichtigsten scheint es dabei zu sein möglichst authentisch die Stimme des “kleinen Mannes” zu vertreten. Dabei nutzt die KRONENZEITUNG geschickt Probleme der Politikvermittlung der EU, indem reißerisch und emotional Halbwahrheiten auf der Titelseite erscheinen.

In dem CHiLLi-Beitrag heißt es dazu:

Die „Krone“ operiert geschickt mit den Mängeln der europäischen Politikvermittlung und nutzt sie zur Leserbindung: „Abstrahiert man das Reißerische und Polemische bleibt als Grundaussage der Krone wohl übrig, was auch zahlreiche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen orten: Eine fortschreitende Entdemokratisierung.“, erläutert Ehs. Nichts anderes als dieses Empfinden von Fremdbestimmung bedeuten die Phrasen vom „Brüsseler Diktat“: „Die Forderung nach einem Referendum ist schlicht eine Forderung nach Mitsprache in einer EU, die nach wie vor viel mehr auf Diplomatie denn auf Demokratie beruht.“

Allerdings, so wollen wir betonen, kritisieren wir nicht, dass die KRONENZEITUNG die EU kritisiert, uns geht es um das wie. Es gäbe da auch Formen einer konstruktiven Kritik.

[sämtliche Hervorhebungen von uns]

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Wer über Leichen geht

Dass ÖSTERREICH sich gerne damit brüstet, die schnellste Zeitung des Landes zu sein, ist nicht neu. Neu ist auch nicht, wie das vonstatten geht. Entweder es wird hoch gepokert (und öfter mal verloren) oder jegliche Skrupel, was Integrität und Taktgefühl angeht, werden über Bord geworfen. Jüngstes Beispiel hierzu: der Unfall einer Passagiermaschine in Thailand. Mit an Bord auch ein Vorarlberger, der den Unfall körperlich beinahe unbeschadet überstand.

Mit welchen Mitteln auch immer, aber die Redaktion hat es für die heutige Augabe geschafft, ein Telefoninterview mit dem Vorarlberger zu drucken. Mit nettem Aufmacher versteht sich:

crashinterview.jpg
Ausriss: ÖSTERREICH

Aus der Einleitung:

ÖSTERREICH erreichte den 33-jährigen Vorarlberger am Sonntagnachmittag im Phuket-Hospital. Nach thailändischer Ortszeit war es fast Mitternacht – doch Marcel war hellwach. Traumatisiert von den Ereignissen, fast sprachlos über das unvorstellbare Glück, schilderte er kurz sein Erlebnis, das ihn für den Rest seines Lebens immer in Gedanken begleiten wird: mit einem Passagierflugzeug abgestürzt zu sein und als einer der wenigen überlebt zu haben.

Zum Glück gibt’s die ÖSTERREICH-Redaktion, die mit bekannt einfühlsamen Fragen jede Sprachbarriere löst. Da verwundert es auch nicht, dass die Frage:

Woran erinnern Sie sich? Wie hat die Katastrophe begonnen?

die erste ist, die folgende Frage aber erst die fünfte:

Sie liegen jetzt im Krankenhaus von Phuket. Wie schwer sind Sie verletzt?

So schnell wird man vom Unfallopfer zum unbezahlten ÖSTERREICH-Reporter vor Ort.

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Notiz (5)

Sowohl die KRONENZEITUNG als auch ÖSTERREICH zitieren heute Formel-1-Legende Niki Lauda zum Urteil gegen den Rennstall McLaren-Mercedes.

Aus Sicht der Formel-1 mag es das härteste bisher gefällte Urteil sein, da die 100 Millionen Dollar Strafe wohl die höchste Strafe der Sportgeschichte sind. Ob allerdings das Urteil in dem Spionage-Fall das “brutalste Urteil der Sportgeschichte” ist, wie Niki Lauda heute verkündete, sei mal dahingestellt.

Es lassen sich sicherlich Beispiele aus anderen Sportarten finden, die auch nicht besonders harmlos sind, wie unter anderem der Zwangsabstieg des erfolgreichsten italienischen Fußballvereins im Jahr 2006.

ÖSTERREICH zeigt uns im Interview mit Niki Lauda allerdings, wie leicht doch Verkürzungen den Sinn eines Satzes deutlich verändern können, so dass am Ende in der Überschrift ein Satz steht, den der Interviewte überhaupt nicht gesagt hat.

So antwortete Niki Lauda auf die Frage “Was macht die FIA mit soviel Geld?”:

[...] So eine Strafe kann ein Team in den Konkurs führen – aber ich nehme an, dass jetzt berufen wird.

Nun, und wie lautet die Überschrift des Interviews:

“FIA treibt McLaren in den Konkurs”

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