Monatsarchiv für Dezember 2008

 
 

Durchs alte Jahr mit BÖSTERREICH

Pünktlich zum Jahreswechsel kommt der FALTER heute mit einem launigen Jahresrückblick als Beilage daher. Und da es nur eine Zeitung gibt, die sich wirklich mit Beilagen auskennt, sieht die auch so aus:

Ausriss: FALTER

Ausriss: FALTER

Gespickt mit bösen Geschichten im Stile ÖSTERREICHs gebricht es der Beilage höchstens daran, dass viele Beiträge in ÖSTERREICH ohnehin schon wirken, als wäre die Redaktion durch die Belegschaft der TITANIC ersetzt worden.

Oder wie Juvenal schon meinte: Difficile est saturam non scribere.

In diesem Sinne, auch von uns ein aufregendes und erfreuliches Jahr 2009!

Neue Nasen braucht die KRONE

Die KRONE beschäftigt sich ja nicht nur mit kriminellen Ausländern. Auch menschliche Probleme wie angebliche Schönheitsfehler werden über eine Ratgeberkolumne behandelt.

Thomas Knapp vom Blog Feuerhaken hat eine eher fragwürdige Antwort an eine ratsuchende Person gefunden und stellt einige interessante Fragen dazu.

Mit Dank an Hans für den Hinweis!

Wenn Verbrecher keine Ausländer sind

Üblicherweise beleuchten wir hier keine Leserbriefe, doch heute fiel einer ganz besonders ins Auge. Betitelt ist er mit “Gewalt bei Ausländern…” und enthält folgende Sätze:

Ein 17-jähriger Brasilianer bringt eine 75-jährige Österreicherin um. Weit haben wir es gebracht. In der “Krone” stehen jeden Tag zig Artikel über straffällige Ausländer, und die Bundesregierung schaut tatenlos zu.

Und das ist tatsächlich so. Die KRONE berichtet überdurchschnittlich oft über Straftaten an denen ausländische MitbürgerInnen beteiligt waren. Dass es der Verfasser des Leserbriefes da mit der Angst zu tun bekommt, ist irgendwie verständlich.

Dass die KRONE in ihrer Berichterstattung aber auch äußerst selektiv vorgeht, dürfte an ihm vorübergehen.

Zum Beispiel steht heute in der KRONE ein Bericht über den Polizeichef von Passau, der von einem unbekannten Mann niedergestochen wurde.

Dass der Mann höchstwahrscheinlich aus dem rechtsextremen Umfeld kommt, wurde in beinahe jeder anderen Zeitung des Landes ausführlich besprochen. So schreibt zum Beispiel DIE PRESSE:

Der Chef der Passauer Polizei ist bei einem nutmaßlichen[sic] Neonazi-Attentat schwer verletzt worden. Polizeidirektor Alois Mannichl war am späten Samstagnachmittag vor seinem Wohnhaus in Fürstenzell bei Passau von einem unbekannten, glatzköpfigen Mann niedergestochen worden. Der 52 Jahre alte Beamte war in den vergangenen Monaten mehrfach gegen Rechtsextremisten vorgegangen. Mannichl ist deswegen insbesondere im Internet von den Rechten scharf kritisiert worden. Trotz einer Großfahndung in Niederbayern und Österreich konnte der Täter zunächst nicht gefasst werden.

Der Bericht in der KRONE liest sich hingegen etwas anders. Von einem unbekannten Angreifer ist die Rede, bayrischer Dialekt mit österreichischem Einschlag ist die einzige Beschreibung zur Person. Dass der Angreifer laut Spiegel Online vom Opfer als glatzköpfig beschrieben wurde, und ihm noch zugeraunt haben soll: “Viele Grüße vom nationalen Widerstand. Du linkes Bullenschwein, du trampelst nicht mehr auf den Gräbern unserer Kameraden herum”, darüber wird in der KRONE nicht geschrieben.

Einzig der letzte Satz im Bericht, weist auf die wahrscheinliche Herkunft des Täters hin:

Die Ermittler gehen davon aus, dass die Täter aus der rechtsradikalen Szene kommen.

Irgendwie sehr leise, für eine Zeitung die sonst so viel Wert auf Herkunft legt.

Wenn der Boulevard schmollt

Zur Erinnerung: Vor knapp zwei Wochen war ÖSTERREICH davon überzeugt, den Fall um den entführten Leichnam des Milliardärs Flick gelöst zu haben.

Trotz großem Aufmacher inklusive Abenteuerbericht einer Reise an den Flughafen von Malaga konnte weder ein COBRA-Einsatz, noch der bereits abgetauchte Informant die Geschichte bestätigen.

ÖSTERREICH versuchte an den darauffolgenden Tagen, noch ein wenig Kapital aus der Story zu schlagen, meldete zum Beispiel, dass nun die Witwe eine Belohnung von 100,000 Euro für sachdienliche Hinweise ausgesetzt habe. Leider waren weder die Witwe noch die Polizei der Meinung, der Hinweis des geheimnisvollen Informanten sei die heißeste Spur zu den Entführern.

Wie sehr das den Stolz der ÖSTERREICHischen AufdeckerInnen verletzt haben muss, wird erst in der heutigen Ausgabe ersichtlich. Auf Seite drei finden sich, wie in jeder Ausgabe, die grenzwertig dummen Aussagen des sogenannten “Plapper-Geiers”. Darunter auch diese:

Langsam glaub i, die Familie Flick zahlt erst dann a Lösegeld, wann s’ a Lebenszeichen vom Entführten kriagt.

So sieht wohl sensibler Journalismus aus.

Terminator in Athen

Vermutlich wünschen sich einige RedakteurInnen in der ÖSTERREICH-Redaktion offene Ressortgrenzen innerhalb der Redaktion. Wenn Transdisziplinarität der Wissenschaft gut tut, kanns für eine Zeitung ja auch nicht so schlecht sein. Johann Skocek schreibt schließlich auch im STANDARD beim Sport und beim DATUM im Politikressort.

Es ist ja nicht das erste Mal. Gestern aber wieder ein schönes Beispiel, wie ressortübergreifendes Arbeiten aussehen kann; vielleicht gibt es ja auch die Arbeitsgruppe POLITIK-KULTUR, wer weiß. Jedenfalls eine starke Seite, wie die meisten Boulevard-KollegInnen neidlos anerkennen würden. Ein derartiges Bild-Text-Verhältnis schafft nicht einmal die BILD-Zeitung. Dreiviertel Bild, ein Viertel Text.

Ausriss: ÖSTERREICH

Interessant ist besonders die Bildunterschrift, die von reichlich Kreativität zeugt.

Ausriss: ÖSTERREICH

Frage: In welchem TERMINATOR-Teil brennen nochmal die Schaufensterpuppen in Athen? Das kann dabei herauskommen, wenn MitarbeiterInnen auf Fortbildungs- und Kreativseminare geschickt werden und sie dort lernen, frei zu assoziieren.

Insgesamt also: Gut aufgepasst im Kreativseminar, sehr gut aufgepasst in der Boulevard-Fortbildung, aber in der Umsetzung dann doch eher ungeschickt und nicht besonders innovativ oder originell …

Weitere Sensationen bei ÖSTERREICH

Die Entführung des Flick-Leichnams vor etwas mehr als zwei Wochen war für ÖSTERREICH natürlich ein gefundenes Fressen. Ein Milliardär, ein widerliches Verbrechen und jede Menge Raum für Spekulationen.

Darum präsentierte ÖSTERREICH gestern – wahrscheinlich auch aufgrund mangelnder Anrufe Tibor Focos seit der letzten Exklusivmeldung – einen neuen Insider:

Ausriss: ÖSTERREICH

Ausriss: ÖSTERREICH

Der Insider stellte sich als Ex-Häftling heraus, der es mit einem mageren E-Mail und einem Telefongespräch fertig brachte, den Chronikchef des Blattes nach Malaga zu locken. Dort, wie ÖSTERREICH gestern ausführlich beschrieb, klärte der Informant den Redakteur über den angeblichen Tathergang auf.

Resultat der Spontanreise war ein Sondereinsatz der österreichischen Spezialeinheit der Polizei in einem kleinen Dorf im Südburgenland. Dass dabei allerdings weder der Sarg Flicks noch die angeblichen drei Entführer gefunden wurden, scheint ÖSTERREICH heute nur am Rande zu interessieren:

Ausriss: ÖSTERREICH

Ausriss: ÖSTERREICH

Einzig der Untertitel scheint als kleiner Fluchtweg aus der Peinlichkeit einer zweiten Zeitungsente binnen einer Woche gedacht zu sein.

Im Inneren folgt dann eine Bericht über den erfolglosen Einsatz:

Fakt ist: Der Sarg lag nicht im angeblichen Versteck. Aber es gibt die von Wagner genannten Ex-Häftlinge, die derzeit überprüft werden. Fakt ist aber auch: Das Bundeskriminalamt jagt jetzt “Peter Wagner”. Denn gut möglich ist, dass er in den Sarg-Raub tief verstrickt ist und den Fall im Gespräch halten wollte, um die verzweifelte Familie auszureizen.

Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sich “Peter Wagner” einfach nur die Leichtgläubigkeit des Boulevards zunutze gemacht hat. Dazu im heutigen Kurier:

Für 5000 € Honorar wollte dieser “Mister X” nähere Details verraten. “Ich bin ein Schränker, aber ein Mann von Ehre,” erklärte der dubiose Safeknacker KURIER-Online Chefredakteur Christian Skalnik.

Und auch zu den angeblichen Entführern gibt es entgegen der vorsichtigen Formulierung ÖSTERREICHs schon konkrete Hinweise. Dazu in der Online-Ausgabe der KLEINEN ZEITUNG:

Inzwischen wurden die angeblichen Mittäter aus Graz-Karlau verhört, die erstens nie in Karlau waren und zweitens nichts mit dem Fall Flick zu tun haben.

Sensation in der ÖSTERREICH-Redaktion…

…oder auch nicht.

Jedenfalls vermeldete ÖSTERREICH, wie so oft exklusiv, auf dem Titelblatt der gestrigen Ausgabe, dass Tibor Foco, einer der meistgesuchten Österreicher, sich in der Redaktion gemeldet hätte. Müde des Versteckspiels, und trotz angeblicher neuer Liebe inklusive zweier Kinder, wolle er sich nun von seiner Heimat der letzten Jahre, einer Pazifikinsel, verabschieden, um in Österreich ein neues Verfahren zu bekommen.

Heute legt ÖSTERREICH nach, zitiert die betagten Eltern des Flüchtigen:

Und Focos Eltern Christine (89) und Theodor (91) in Linz ließen ausrichten, dass es für sie kein schöneres Weihnachtsgeschenk gäbe als die Aussicht auf ein Wiedersehen mit ihrem Buben.

Interessant, dass der STANDARD da ganz andere Wortmeldungen der Eltern bieten kann. Aus der heutigen Printausgabe:

“Ich halte das Ganze für einen ausgemachten Blödsinn. Unser Tibor hat überhaupt keinen Grund, nach Österreich zurückzukehren. Und wenn doch, würde er es wohl zuerst seiner Mutter sagen – und nicht irgendeiner Zeitung”, ist Christine Foco im Gespräch mit dem STANDARD überzeugt.

Außer der Mutter melden auch die bisherigen Anwälte Focos, Herbert Wegscheider und Johannes Hintermayr, Zweifel an. So ist in der Online-Ausgabe der Oberösterreichischen Nachrichten zu lesen:

„Ich weiß nichts, habe keine Ahnung“, sagen die beiden Juristen unisono. „Das ist alles sehr unplausibel und sonderbar“, sagt Wegscheider. Er mutmaßt eine „Zeitungsente“. Anwalt Hintermayr sagt, es sei „höchst seltsam“, dass sich Foco über eine Zeitung melde, und nicht bei ihm als Abwesenheitskurator. Ebenso ahnungslos gibt sich Peter Römer, der sich lange mit dem Fall Foco beschäftigt hat. „Ich halte Tibor Foco für zu intelligent, als dass er diesen Weg über die Klatschpresse wählen würde“, sagt Römer.

ÖSTERREICH zeigt sich heute von diesen Unkenrufen in so einem Maße unbeeindruckt, dass sogar auf den Verweis oben genannter Zweifler verzichtet wird. Stattdessen wird der Flöttl-Anwalt Herbert Eichenseder zitiert, angeblich der Wunschkandidat Focos im Falle seiner Rückkehr:

Er soll nur kommen. Diesen spannenden Fall übernehme ich gerne.