Gratwanderungen

Unter dem Titel “Gratwanderung” kommentiert heute Dieter Kindermann in der Kronenzeitung den Gesetzesentwurf zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, vorgelegt von Justizministerin Maria Berger.

Der Text bedarf trotz seiner Kürze einer etwas genaueren Analyse als üblich:

Die Koalition ist sich grundsätzlich einig, die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Paare gehört beseitigt. Aber über den Weg ist sie noch uneinig. Die Institution Ehe ist ohnedies stark angeschlagen. Fast jede zweite wird geschieden. Da darf man ihr keinen weiteren Schlag versetzen.

Das Format eines Kommentars erlaubt wohl Gedankensprünge, wie dieser allerdings zu Stande gekommen ist, ist nicht wirklich nachvollziehbar. Würde eine Ehe unter Homosexuellen nicht bedeuten, dass mehr Ehen geschlossen, daher die Institution Ehe wieder gestärkt würde? Oder gibt es vielleicht ein Kontingent an Ehen, die geschlossen werden dürfen, das dann unverschämterweise von Homosexuellen aufgebraucht würde? Oder ist der Gedankengang vielleicht der, dass Heterosexuelle das Interesse an einer Ehe verlieren, sobald es Homosexuellen erlaubt ist, den gleichen Bund fürs Leben einzugehen?

Angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung ist aber Realitätssinn gefragt wie in anderen Ländern auch. Deshalb muss Toleranz geübt und Augenmaß gewahrt werden.

Ja, die Homosexualität als “gesellschaftliche Entwicklung” ist ja, wie wir alle wissen, ein Produkt des derzeitigen Zeitgeistes. Was es mit dem Augenmaß auf sich hat, ist erst im nächsten Satz ersichtlich:

Man muss schon berücksichtigen, dass Eltern Opfer für ihre Kinder bringen und einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft leisten. So wie das die Bischöfe sagen.

Abgesehen davon, dass es eigentlich ins Universum der Kronenzeitung schon durchgedrungen sein sollte, dass Kinder nicht nur in Ehen gezeugt werden, liegt dem Ganzen eine recht verquere Argumentation zugrunde. Schließlich ist es ja auch im neuen Gesetzesentwurf homosexuellen Paaren nicht erlaubt, Kinder zu adoptieren. Dann damit zu argumentieren, Homosexuelle würden der Gesellschaft nicht den gleichen Dienst erweisen wie heterosexuelle Paare, ist nicht nur ein Zeichen von Doppelmoral, es müsste im Grunde dafür ein neues Wort erfunden werden.

Die Bischöfe, genauer der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz hat übrigens Folgendes gesagt:

In der Debatte um das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare wird
übersehen, dass es Mann und Frau sind, die für neues Leben sorgen. Familie entsteht dadurch, dass Mann und Frau miteinander Kinder zeugen – und auch beide für die Kinder da sind. Deswegen sehe ich ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche zusammenlebende Menschen nicht im Sinne dessen, was Familie ist und auch nicht im Sinne dessen, was dem Naturrecht entspricht. #

[Alle Hervorhebungen von uns]

Dass Bischöfe als Kapazitäten auf dem Gebiet der Kindererziehung und Biologie angesehen werden, kommt wohl auch nur in der Kronenzeitung vor.

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